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Kölner Stadt-Anzeiger
-5. Novermer 2010 Studio Dumont Leidenschaft am zweiten Tag der Schöpfung
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Kölner Stadt- Anzeiger - Nr. 255 -3. Novermer 2005
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Interview mit Dr. Marion Feld: Warum Velazquez?
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Kölnische Rundschau 6.Oktober 2007 Hochzeitsreise von V. Sorokin im Artheater
Cole Haan
Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 183 - 9. August 2006
Cole Haan
Licht - Sohar - Zeitgenössische Jüdische Kunst im Ruhrgebiet, Rede von Dr. Ch. Kivelitz
Cole Haan
Bühnenbild Artheater Köln
   
 

Könntest Du auch ohne die Existenz derartig starker Vorgänger Dein Konzept verwirklichen?

 

Selbstverständlich, da ich ähnlich wie bei meinen „Briefen" persönliche Lebensgeschichten und Schicksale auch bereits von  anderen, weniger bekannten oder bedeutenden Persönlichkeiten als Auftragsarbeiten verwirklicht habe. Jedes Schicksal ist mir gleichermaßen wichtig. „Ikonen" oder Idole der Kunstgeschichte zu verarbeiten, ist für mich nur ein Mittel zum Zweck. Natürlich fasziniert ein außergewöhnliches Schicksal oder die Lebensgeschichte eines Genies. Diese sind jedoch nur in Bezug auf den speziellen Inhalt für mich von Wichtigkeit, die Wertigkeit des menschlichen Individuums ist für mich völlig gleichrangig. Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit für sich mit einem ganz individuellen Schicksal, mit einer eigenen Choreographie.

 

Ich meinte eigentlich weniger die Bedeutsamkeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Begabung sondern meine Frage zielte in die Richtung, ob es einer Bearbeitung und Verarbeitung von vergangenen Kunstepochen und Meistern bedarf? Ist es nicht vermessen, das Oeuvre von beispielsweise Klee oder Velazquez zu paraphrasieren?

 

Du meinst, dass ich mich erdreiste, auf ihren Schultern zu stehen, um so von ihrer Bekanntheit und ihrem Ruhm zu profitieren? Natürlich ist dies auch eine Facette, ein legitimes konzeptuelles Spiel! Wichtiger ist mir allerdings, dass die heutigen Menschen diese Größen der moderne Malerei kennen wie ein Popidol, d. h. ich kann mich bei meinen Interpretationen auf das Wesentliche konzentrieren, weil für ein Verständnis meiner Ideen ein breites Fundament bei den Betrachtern vorhanden ist und jeder Gebildete die Hinter-gründe kennt und mitdenkt.

 

Die Gefahr, die ich sehe ist die, dass ein unbelasteter Betrachter Deine systematische Auswahl an Vorbildern, die Dich ja als individuelle Persönlichkeiten mit einer individuellen Geschichte beschäftigen, nur als einen Kommentar zur Malerei des 20. Jahrhunderts auffasst? Verbunden mit dem Gedanken, ob die Welt ausgerechnet  auf einen Kommentar von Grigory Berstein gewartet  hat? Daher halte ich es für äußerst wichtig, auch das Konzept der Dialogsituationen in ihren Variationen und modifizierten Formen zu vermitteln.

 

Das müsste sich eigentlich aus einer Ausstellungssituation selbst ergeben, in der meine verschiedenen Varianten  des „Geschichtenerzählens" nebeneinander präsent sind. Darüber hinaus ist es schon so, dass es sich bei den Künstlerbildern, die schon existieren und die ich noch zu produzieren beabsichtige, um eine Art Malereigeschichte des 20. Jahrhunderts handelt, allerdings meine ganz persönliche Malereigeschichte, die sich nur eher zufällig mit der Meinung der Kunsthistoriker deckt. Außerdem gibt es daneben noch den Aspekt der Ironie, des spöttischen Seitenblicks auf die Historie. Insbesondere wenn wir die Lebensgeschichte der „kleinen" Leute in eine Reihe mit den „Genies" stellen. Vielleicht ist es so, dass dadurch das Leben der kleinen Leute an Bedeutung gewinnt, sie wachsen gewissermaßen an der Größe der Berühmtheiten, deren Leistung niemand mehr schmälern kann oder will.

 

Stehen auch die motorisierten Säulen inhaltlich in dieser Reihe oder verfolgst Du mit dieser Werkgruppe noch einen anderen Gedanken? Ich denke zum Beispiel an die Säule „Beuys/Dürer": Welche Geschichte verbindet für Dich diese beiden deutschen Künstler über Jahrhunderte hinweg?

 

Ja, das ist richtig und das ist genau das, was ich beabsichtige und was mich selbst in meinem Tun bestätigt. Denn ich erkenne darin selbst, dass in dieser Art Wiederholung nicht nur mein Thema liegt, sondern ich selbst verborgen bin. Wobei mir die Wiederholungen als Variationen immer wieder neue Facetten und Wege offenbaren. Außerdem muss man sich vorstellen, dass die heutigen beweglichen Säulen das Endprodukt nicht nur in einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Material liegt sondern auch eines Arbeitsprozesses an dieser speziellen Idee darstellt. Die Beweglichkeit zum Beispiel war nicht von Anfang an konzipiert, sondern sie hat sich erst über verschiedene Etappen entwickelt. Die Bewegung war eine zwangsläufige Weiterentwicklung der zunächst zweidimensionalen, später dreidimensionalen Arbeiten. Sie entstand vor allem aus dem Wunsch heraus, bei bestimmten Objekten verschiedene Ansichten bieten zu können und sich nicht auf eine einzige festlegen zu müssen. Und diesen Prozess muss man sich genauso vorstellen wie den Umsetzungsprozess bei der Handhabung klassischer Medien, z. B. dem schichtweisen Aufbau eines Gemäldes und der Gestaltwerdung eines Motivs sagen wir bei Tizian.

 

Um nochmals auf die Säulen selbst zurückzukommen: Welche Bedeutung haben die jeweiligen Kombinationen (Beuys/Dürer oder Picasso und sein Vater)? Erzählen auch sie wieder Geschichten oder hat die Gegenüberstellung der jeweiligen Dialogpartner eine andere Ursache?

 

Ja, wieder sind es Geschichten, die mich interessieren und die ich erzählen will; aber in einer sehr gekürzten, komprimierten Form. Man könnte es vergleichen mit dem Verhältnis zwischen Roman und Gedicht; d. h. die Säulen sind in diesem Fall Gedichte. Sie sind auch Parabeln mit einer Grundaussage, die ich jeweils direkt und intuitiv wahrgenommen  habe (zum Beispiel die Spannung zwischen Vater und Sohn Picasso). Diese Dialogpartner miteinander zu konfrontieren und sie gleichsam miteinander auf ein Karussell zu setzen und zu sehen, wie sie dabei miteinander kommunizieren, war für mich sehr reizvoll.

 

Dein Hinweis auf den prozesshaften Umgang mit dem Material Glas/Acrylglas wirft natürlich die Frage auf, wie Du überhaupt zu diesem außergewöhnlichen Material gekommen bist. Was hat den Anstoß gegeben? War es der Wunsch nach Transparenz, der Dich gereizt und nach einem geeigneten Material hat suchen lassen oder hat umgekehrt die Materialeigenschaft die spezifische Gestaltung nach sich gezogen?

 

Es ist mir heute nicht mehr ganz klar, was zuerst da war, das Material oder das Interesse an seinen spezifischen Eigenschaften. Aber wenn ich zurückdenke, waren es die Eigenschaften der Malerei selbst, die den Auslöser gegeben haben. Das Malen auf Leinwand oder Zeichnen auf Papier kostet mich beinahe Überwindung: Die legendäre Angst vor dem leeren weißen Untergrund! Die Möglichkeiten der mehrfachen Übermalungen und Korrekturen einer Leinwand, das Herantasten an die endgültige Form erscheint mir psychologisch wesentlich einfacher. Das Malen auf Glas dagegen erfordert eine größere Disziplin von mir und ist wie ein Arbeiten unter verschärften Bedingungen; aber ich bin davon überzeugt, dass ich durch diese Herausforderung und Beschränkung stärkere Produkte erziele.

 

Aber behindert Dich dies nicht auch, weil Du ständig unwiderrufliche Entscheidungen treffen musst, sieht man doch auf dem transparenten Material jedes Pentmenti?

 

Ja, natürlich, es ist oft ein schwieriger Prozess, den ich allerdings als unbedingt notwendig empfinde und den ich wie eine Läuterung bereit bin zu durchleben, um weiterzukommen. Was die Transparenz und Mehrschichtigkeit angeht, gibt es da aber auch noch eine Erinnerung an meine Kindheit: Früher haben wir Kinder oft kleine Schätze in der Erde vergraben, und bevor wir erneut Erde oder Gras darüberstreuten, sie mit einem Stück Glas bedeckt. Durch diesen gläsernen Deckel schimmerten unsere Schätze geheimnisvoll und in vielen bunten Farben. Diese Leichtigkeit und die geheimnisvolle Wirkung haben anfangs sicher auch meine Vorstellungen – z. B. bei der Serie von bemalten CD-Hüllen - mitgeprägt. Die nächste Überlegung war, wie ich mit Malerei auf Glas umgehen sollte; denn klassische Malerei auf einem Glasträger ergibt für mich keinen Sinn. Normalerweise reflektiert die Malschicht das Licht, in diesem Falle kommt allerdings die Transparenz des Trägermaterials hinzu und schafft eine beinahe widersinnige Situation. Erschwert mir also erneut meine Voraussetzungen. Wie sich gezeigt hat, war dies aber genau das, wonach ich gesucht habe. Seitdem weiß ich, dass ich gerne mit durchsichtigen Material arbeite.

 

Transparente Malträger mit transparenten Malschichten lassen keine Übermalungen, bzw. Korrekturen nur in sehr begrenztem Umfang zu. Was bedeutet das für Dein Vorgehen, für die Vorbereitung von Objekten?

 

Auf jeden Fall erfordert es von mir eine große Disziplin und ein sehr überlegtes Vorgehen. Auch einen sehr viel sparsameren Umgang mit den Mitteln der Malerei.

 

Wahrscheinlich geht einer Realisierung ein langer Planungsprozess voraus. Spielt dieser sich hauptsächlich in Deinem Kopf ab oder machst Du viele Vorstudien?

 

Um ein absolutes Ergebnis zu erzielen, muss ich mich sorgfältig vorbereiten, und die Idee muss reif werden – meist ein langer Prozess. Dazu kommen natürlich Skizzen, manchmal sogar im Format 1:1, um die Wirkung unter dem Träger auszuprobieren. Leider passiert es trotzdem manchmal, dass ich nicht mit einem Resultat zufrieden bin. Dann besteht aber immerhin die Möglichkeit, alles wieder zu entfernen und von vorn zu beginnen.

 

Die zunehmende Erfahrung im Umgang mit dem Material und seinen Möglichkeiten lässt sich durchaus an der Chronologie der Arbeiten ablesen: Von flächigen zu räumlichen Arbeiten; bei mehrschichtigen Arbeiten auch die Einschätzung der Zusammenwirkung der einzelnen Trägerschichten.

 

Es stimmt, langsam – von Arbeit zu Arbeit - habe ich ein Gefühl für das Material entwickelt.  Und vor allem dabei entdeckt, dass dies mein spezifisches Medium ist, in dem ich zunehmend an Sicherheit gewinne und das mich auf immer kreativere Spuren bringt.

 

Material, Komposition und Inhalt sind offenbar ganz stark aufeinander bezogen und voneinander abhängig. Bleibt Dir dennoch Raum für spontane Einfälle oder muss alles bis ins kleinste Detail vorkalkuliert sein (z. B. „Dialog im Aquarium")?

 

Die Spontaneität wie eine Spur zu lassen oder einen Non-finito-Effekt beizubehalten, dafür habe ich noch keine Lösung gefunden – außer vielleicht wirklich bei der Aquarium-Serie. Spontane Malerei mit präziser Arbeit auf dem Glas oder einem anderen transparenten Träger zu verbinden, ist allerdings ein Thema, mit dem ich mich zur Zeit intensiver beschäftige und ich hoffe, dass ich auch hierfür eine Lösung finden werde.

 


© Grigory Berstein